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Lebensqualität


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Zora





Anmeldungsdatum: 12.09.2003
Beiträge: 182
Wohnort: Nähe Limburg/Lahn

BeitragVerfasst am: 08.04.2006, 10:33    Titel: Antworten mit Zitat

Das mit dem Wickeln eines Begriffes, wie einen Faden "über" viele Bereiche des Lebens, das ist das Gegenteil von Differenzieren.

Wenn über lebenserhaltende Technik gesprochen wird, dann stimmt aber auch gar nichts mehr an Rivkas Begriffskritik.
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Zora





Anmeldungsdatum: 12.09.2003
Beiträge: 182
Wohnort: Nähe Limburg/Lahn

BeitragVerfasst am: 08.04.2006, 10:50    Titel: Antworten mit Zitat

Als Raucherin würde ich dieser Kritik allerdings gern zustimmen. Denn ein Teil von mir glaubt ja tatsächlich, oder suggeriert mir ein, dass der Verzicht auf Nikotin"genuss" meine Lebensqualität beeinträchtigt. Das wäre so bequem, dann bräuchte ich mich nämlich nicht mehr mit meinem Suchtproblem auseinanderzusetzen, wenn ich meinen eigenen Lügen glauben schenkte!

So muss ich tatsächlich immer wieder versuchen, damit endgültig aufzuhören, was mir verteufelt schwer fällt - und kann mein eventuell sich auch diesmal wiederholendes Scheitern, nicht damit begründen, dass ich es doch so schrecklich gern tue und gerne einige Jahre meines Lebens für diese wunderbaren Zigaretten ganz herschenke und für den anderen Teil erhebliche Einschränkungen in Kauf nehme.

Herrlich, wenn ich mir dann auch noch ans Revers heften darf - da ja ganz besonders die sensiblen, kreativen Geister, die naturgemäß besonders durch die harten, kalten Realitäten zu leiden haben, meine Einstellung teilen - mich mit namhaften Künstlern in bester Gesellschaft zu befinden.
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Sam





Anmeldungsdatum: 05.01.2004
Beiträge: 181
Wohnort: München

BeitragVerfasst am: 08.04.2006, 11:08    Titel: Antworten mit Zitat

Die Frage: Lebenqualität=Lebensquantität berührt nun wirklich viele Aspekte des Lebens. Eine differenzierte Betrachtung oder Auslegung des Begriffes Lebensqualität schliesst eben diese grundsätzliche Gleichschaltung aus.

Und warum sollte man, wenn man darüber nachdenkt, nicht auch am Ende beim Thema lebenserhaltende Maßnahmen, Sterbehilfe etc. ankommen?
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Zora





Anmeldungsdatum: 12.09.2003
Beiträge: 182
Wohnort: Nähe Limburg/Lahn

BeitragVerfasst am: 08.04.2006, 11:17    Titel: Antworten mit Zitat

Ich hatte nicht den Eindruck, dass man irgendwo angekommen sei, sondern, dass du alles munter in einen Topf geworfen hast, Sam.

Lebenserhaltende Maßnahmen dienen dazu das Leben zu verlängern, wenn man den Begriff "Lebensqualität" in diesem Kontext findet, so ganz sicher nicht als ein Wort "das von "Qualität" spricht und hinterrücks "Quantität" meint".

So war mein Einwurf zu verstehen.
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Sam





Anmeldungsdatum: 05.01.2004
Beiträge: 181
Wohnort: München

BeitragVerfasst am: 08.04.2006, 11:30    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Zora,

ich hatte mich in meinem ersten Kommentar eigentlich nur auf einen Aspekt der Diskussion eingelassen. Meine abschließende Bemerkung, man könnte diese Frage auf viele Bereiche des Lebens ausdehnen, nenne ich nun wirklich nicht "alles in einen Topf schmeißen". Zumal ich eine solche Ausweitung in einer Forendiskussion sowieso nicht mitmachen wollte.

Wenn man bei dem Begriff lebenserhaltene Maßnahmen nur an den Komapatienten denkt, der an einer Menge von Aperaten angeschlossen ist, dann gebe ich dir natürlich recht.

Gruß

Sam
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Zora





Anmeldungsdatum: 12.09.2003
Beiträge: 182
Wohnort: Nähe Limburg/Lahn

BeitragVerfasst am: 08.04.2006, 11:43    Titel: Antworten mit Zitat

An Komapatienten habe ich jetzt nun gerade nicht gedacht.
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rivka





Anmeldungsdatum: 13.09.2003
Beiträge: 518
Wohnort: Wolfenbüttel

BeitragVerfasst am: 08.04.2006, 14:25    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
wenn sie, als nichttrinkerin (dass sie nicht trinkt, kann man aus der summe dessen, was sie schreibt leicht ableiten), sich nur einmal vorzustellen versuchen würde, in die sucht zu geraten, dann käme ihr vielleicht die eine oder andere frage, die in das bestehende konzept nicht so recht passt.


In die Sucht zu geraten, das brauche ich mir nicht vorzustellen; das habe ich erlebt. (Geht's eigentlich auch ohne argumentum ad hominem?)

P.S.: Als ich den Thread anfing, hatte ich wirklich damit gerechnet, dass Wörter wie "Lebensqualität" und seinesgleichen in ihrer Verlogenheit und Mystifikation gerade von Schreibenden längst durchschaut wären - ich hatte sozusagen damit gerechnet, Eulen nach Athen zu tragen.

Je weniger das, was Wörter in der Art von "Lebensqualität" zu beschreiben vorgeben, in der wirklichen Welt für alle Menschen erreichbar existiert, um so mehr verkrümelt sich der nichtvorhandene Tatbestand in die Sprache. Wo gibt es Lebensqualität? Im Lexikon.

Denn "Lebensqualität" sollte zuallererst die Freiheit des Individuums einschliessen, zu entscheiden, was es für sein eigenes Leben als Qualität betrachtet - auf meine Zitate ist, warum weiss ich nicht, niemand eingegangen - und sie kann vor allen Dingen nur als Menschenrecht, erreichbar für alle, existieren, oder gar nicht. Und schon gar nicht als Menschenpflicht - möglichst nochnach dem Motto: Bleibt lange gesund, damit ihr lange arbeiten könnt.

Lebensqualität, die zur Forderung erhoben wird, führt zwangsläufig zu der Vorstellung, dass es auch ein Leben gäbe, dessen Qualität so minder sei, dass es nicht (mehr) wert wäre, gelebt zu werden, und auf diesem Wege, wie Sam sagte, auf die Intensivstation, in die Sterbehilfe und die genetische Prävention qualitativ allzu mangelhaften Lebens, was meist nur heissen soll, das dieses Leben irgendwen anders verpflichtet - hier fänge mit der Solidarität die wirkliche Lebensqualität an.

So lange es eine Sorte von Lebensqualität für die reichen, eine für die armen Nationen (und Personen) gibt, gibt es sie gar nicht.

Wie alle anderen Wörter seiner Art führt "Lebensqualität" nicht aus einem System heraus, auch nicht gedanklich, das als solches nur als unmenschlich zu bezeichnen ist.

Oder doch als sozialverträglich?

(Ich bin ja schon wieder weg.)
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Josi





Anmeldungsdatum: 18.09.2003
Beiträge: 186
Wohnort: Dresden

BeitragVerfasst am: 08.04.2006, 19:38    Titel: Antworten mit Zitat

All diese Worthülsen in der öffentlichen Argumentation sind für mich so was von sinnentleert und tendenziös missbraucht, das steht für mich außer Frage. Die Essenz deines Beitrages, rivka, war für mich (vielleicht habe ich das überbewertet): ohne Suchtmittel ist Kreativität kaum möglich (womit ich nicht einverstanden bin). Ich schätze deine Texte und Beiträge immer sehr und würde dich nie persönlich angreifen bzw. dir irgendwas Negatives unterstellen wollen. Tut mir leid, wenn es so angekommen sein sollte.
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andrea





Anmeldungsdatum: 12.09.2003
Beiträge: 634
Wohnort: Wien

BeitragVerfasst am: 09.04.2006, 06:19    Titel: Antworten mit Zitat

Ich möchte diesen Satz von Rivka herausgreifen:
„gehört das Masslose, ich riskiere, zu sagen: das Dionysische, etwa nicht zu Lebensqualität?“, weil er für mich das Zentrale dieser Diskussion ist, bzw. weil es einen Aspekt betont, der mir wichtig ist.

Während auf der einen Seite (dieser Entwicklung) krudester Mystizismus und Irrationalität blühen, wird auf der anderen Seite alles, das mit dem Körper zu tun hat, den jeweils herrschenden und umwerfend-medizinisch untermauerten Meinungen unterworfen, was denn für den Organismus „Mensch“ nun gut und was schlecht sei. Biologismus statt Biologie? Ein ziemlicher Kontrollwahn, der sich da breit macht und bei dem alles, das nach Genuss und Kontrollverzicht riecht, des Teufels ist. Wenn man so will: ein generalisierter Protestantismus, der nebstbei (wie ich denke) genau das mitproduziert (nämlich als Kehrseite), das er zum Zwecke der Selbstlegitimation als „Feindbild“ aufbaut: Menschen mit Kontrollverlust – Menschen in Abhängigkeiten.

Mit Lebensqualität hat das nach meiner Anschauung nichts zu tun, weder das eine (wo der Kontrollwahn die Genussfähigkeit gen Null reduziert) noch das andere (wo ein grundsätzlicher Kontrollverlust die Genussfähigkeit gen Null reduziert). Dass der Körper und seine artgerechte Pflege und „Haltung“ in einer Art zum Thema wird, die mich an Tierhaltungsbücher erinnert, passt für mich zu dieser Entwicklung.

Mit Grüßen
Andrea
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andrea





Anmeldungsdatum: 12.09.2003
Beiträge: 634
Wohnort: Wien

BeitragVerfasst am: 09.04.2006, 07:06    Titel: Antworten mit Zitat

Ich denke, dass der Begriff „Lebensqualität“ in der von Rivka kritisierten Form letztlich „Beförderung der Funktionsfähigkeit“ meint: man soll so leben, dass man so lang wie möglich gesellschaftlich nutzbringend ist. Deshalb werden die Parameter für den Begriff „Qualität“ auch nicht individuell gesetzt, denn im individuellen Bereich ist man ja keinem Legitimationsdruck ausgesetzt, muss man Niemandem beweisen, ob etwas nun die Lebensqualität befördert oder nicht. Ist „Lebensqualität“ allgemein definiert, lassen sich nicht nur jede Menge Produkte entwickeln und an den Mann/die Frau bringen (der Wellness-Bereich ist einer, in dem sich viel Geld machen lässt, alles, das knapp neben der Medizin marschiert, ist nach wie vor ausbaufähig!), das hat auch den Vorteil, dass man die Menschen, die eben NICHT auf ihre Lebensqualität achten, aussondern kann. Nach dem Motto: selber schuld. Was ja – angesichts der prekären Finanzierungssituation – eine recht praktische Angelegenheit ist. Dass die Drogenproblematik – nebenbei – nun wahrlich kein Randgruppenphänomen ist, dass die Arbeitsplatzanforderungen gerade dort, wo die „Macher“ sitzen, derart extrem sind, dass von Alkohol bis Koksen allerhand an der Tagensordnung ist, gehört auch in diesem Themenkomplex.

Sich ein Stück „selbstbestimmtes Leben“ herauszuboxen, das fällt mir da als „Lebensqualität“ ein, ein Stück Leben, das NICHT „allgemein verwertbar“ sein muss. Und hier schließt sich für mich auch der Bogen zur Kunst, die eben auch nicht in einem „unmittelbaren Verwertungszusammenhang“ steht.

Gruß
Andrea
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Mirjam





Anmeldungsdatum: 12.09.2003
Beiträge: 189

BeitragVerfasst am: 09.04.2006, 09:42    Titel: Antworten mit Zitat

Was nicht "verwertbar" ist, wird allerdings gerne verwertbar gemacht. Dabei besteht natürlich die Gefahr, diesem Stück selbstbestimmten Leben das ursprüngliche Potential zu entziehen, das nunmal notwendig ist, um sich diesen, mehr oder weniger abgegrenzten "Freiraum" zu schaffen; was leider meist nichts anderes bedeutet, als diesem Stück selbstbestimmten Leben die ihm eigene Qualität zu entziehen - oder aber, was auch eine Möglichkeit ist, sie zu relativieren, sie innerhalb der eher allgemeingültigen Werte miteinzubeziehen (vom Kern nach aussen), ohne dabei faule Kompromisse einzugehen (wünschenswert Wink). Genau da schließt sich für mich der Bogen von der privaten zur öffentlich gemachten Kunst. Genau an dieser Stelle fängt für mich der Freiraum an, den ich auch ohne Anführungszeichen als Metapher (be)schreiben würde.
Dass z.B. ein Rainer Werner Fassbinder eine ganz besondere Qualität mit seinen Filmen geschaffen hat, steht, denke ich ausser Frage. Ob er allerdings das, was er in seinem kurzen Leben geschaffen hat, auch ohne Drogen hätte machen, oder vielleicht besser: hätte bewältigen können, kann und will ich nicht beurteilen. Wovon ich allerdings überzeugt bin ist, dass er auf seine Art der Allgemeinheit ein Stück Lebensqualität eben NICHT geliefert hat.

M.
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Mirjam





Anmeldungsdatum: 12.09.2003
Beiträge: 189

BeitragVerfasst am: 09.04.2006, 15:32    Titel: Antworten mit Zitat

Zitat:
Herrlich, wenn ich mir dann auch noch ans Revers heften darf - da ja ganz besonders die sensiblen, kreativen Geister, die naturgemäß besonders durch die harten, kalten Realitäten zu leiden haben, meine Einstellung teilen - mich mit namhaften Künstlern in bester Gesellschaft zu befinden.

Ich würde mir an deiner Stelle eher einen Putzlumpen um den Kopf wickeln.
Das wirkt authentischer Wink

M.
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rivka





Anmeldungsdatum: 13.09.2003
Beiträge: 518
Wohnort: Wolfenbüttel

BeitragVerfasst am: 09.04.2006, 17:54    Titel: Antworten mit Zitat

Nein, Josi, ist nicht so angekommen Wink

Danke, Andrea - ich kann jeden deiner Sätze nur unterschreiben, besonders aber diesen:
Zitat:
Ich denke, dass der Begriff „Lebensqualität“ in der von Rivka kritisierten Form letztlich „Beförderung der Funktionsfähigkeit“ meint: man soll so leben, dass man so lang wie möglich gesellschaftlich nutzbringend ist.


Auf der Basis dessen, was also bisher gesagt worden ist, möchte ich noch einmal eine Klärung dessen versuchen, was mich zu diesem Thema veranlasst hat:

1. Der Begriff "Lebensqualität" gehört meiner Ansicht nach zu einer Gruppe von Newspeak-Begriffen, insofern sie, entweder neugeprägt, jüngst als Fremdworte in die deutsche Sprache gekommen oder, wie "Lebensqualität" einem Bedeutungswandel unterzogen, ideologisch, systemdienerisch, verlogen und realitätsverhüllend beziehungsweise in ökonomisch genehmer Weise realitätsschaffend wirken. (Ich habe gestern in Sachen "Lebensqualität" noch mit ein paar Freunden in den Staaten gesprochen; dort hat das Wort quality of life diesen Bedeutungswandel nicht vollzogen, sodass also das deutsche Wort "Lebensqualtät" inzwischen etwas anderes bezeichnet als das amerikanische quality of life, das weitgehend seine immaterielle Bedeutung beibehalten hat; es ist auch nicht wie hier zum Schlagwort (sic!) geworden, was möglicherweise die Ursache für den nicht stattgehabten Bedeutungswandel ist.)

2. "Lebensqualität", das heisst: die Qualität des eigenen Lebens, kann jeder nur für sich selbst beurteilen. Wenn wirklich "Qualität" gemeint ist, und nicht irgendeine Art von "Quantität", dann kann ich über die Lebensqualität eines Menschen als Aussenstehender auch dann keine Aussage treffen, wenn dieser Mensch blind ist oder im Rollstuhl sitzt. (Ist die Lebensqualtät von Hawking höher oder niedriger als die eines Menschen, der beispielsweise sein Leben in ungeliebten Jobs verbringt, weil er Geld verdienen muss, und dem die Müdigkeit keine höhere geistige Tätigkeit mehr erlaubt, als den Konsum von Talkshows?) Aus der Tatsache, dass ich keine Ausagen treffen kann, folgt: ich kann auch keine Vorschriften machen.

Lebensqualität bedeutet, unter anderem, in der Lage zu sein, oder sich in die Lage zu versetzen, das zu tun, was der eigenen Anlage entspricht. Wer dieser Bestimmung Priorität zuspricht, dem sollte es erlaubt sein, dieser Priorität Opfer zu bringen - sei es an physischer oder psychischer "Gesundheit" oder in Bezug auf soziale (Ver-)Bindungen, ohne dass der Begriff "Lebensqualität" gegen ihn verwendet wird; indem dieser Begriff nämlich die Lebensqualität der Solidargemeinschaft über die des Einzelnen stellt. Das sieht altruistisch aus, ist es aber nicht, denn was gemeint ist, ist der Einzelne nicht als Ziel, sondern als Mittel; er soll, worauf Andrea bereits hinwies, in erster Linie nicht leben, sondern funktionieren (Kapital maximieren).

3. Das Assoziationsfeld des Wortes "Lebensqualität" besiedeln heute in erster Linie Käuflichkeiten; von "Ein Stück Butter - ein Stück Lebensqualität" über das Grundstück, den Ort, die Stadt mit "hoher Lebensqualität, sämtliche Bioprodukte bis zur Meditation für mehr Lebensqualität: gemeint ist immer, das Lebensqualität eben ihren Preis hat; den kann sich zwar nicht jeder leisten, aber mehr und mehr versteht die Werbung - und auch die Gesundheitssendung, die Talkshow, die politische Sendung, das Buch - den Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden, weil sie das billige Produkt dem Lebensqualität versprechenden teuren Bioprodukt vorziehen. (Es wurde bei den Fleischskandalen bis zum Erbrechen wiederholt, dass der Kunde, der billiges anstatt hochqualitatives Fleisch kaufe, selbst Schuld sei, wenn er minderwertige Ware bekomme: "Die Leute solten eben mehr auf ihre Lebensqualität achten, als auf ihren Geldbeutel" war ein Zitat, das ich mir seinerzeit aufgeschrieben habe. In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit halte ich das für blanken Zynismus.)

Richtig ist, dass Lebensqualität zu etwas geworden ist, das man sich leisten können muss; als einzelner Mensch und als Staat. "Qualität" sollte aber ihrer Natur nach nicht quantifizierbar, also besonders vom Ökonomischen nicht abhängig sein; eine Lebensqualität, die sich ein reicher Industriestaat auf Kosten armer Länder leistet, ist purer Zynismus. (In diesem Zusammenhang fand ich einen Text interessant, den ich leider in den Weiten des Netzes nicht wiederfinden kann; es handelte sich um eine Untersuchung globaler Lebensqualität einer namhaften Universität, die zwei Listen mit Signifikatoren für "Lebensqualität" aufstellte: eine für die erste, eine für die dritte Welt. Einer der ersten Punkte auf der Liste für die dritte Welt war der freie Zugang zu trinkbarem Wasser, einer der ersten Punkte auf der Liste für die erste Welt war der freie Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung. Ich meine: ich bitte euch. Zugang zu Trinkwasser ist eine Lebensnotwendigkeit; im Vergleich damit ist eine psychotherapeutische Behandlung Luxus. (Und eine ÜberlebensNOTWENDIGKEIT mag die Grundlage sein für Lebensqualität, aber sie IST keine Lebensqualität, sondern eine Minimalforderung. Hier wird mit zweierlei Mass gemessen.)

3. "Lebensqualität" ist Wirtschaftsfaktor. Wie in einem meiner Links zu finden, hat die Wirtschaft festgestellt, "dass der Markt für die Quantität ausgeschöpft ist, weil die Leute alles haben, was sie brauchen; es eröffnet sich aber für die Zukunft der riesige Markt der Lebensqualität".
(No comment - ausser vielleicht: die Leute haben also alles, was sie brauchen? Wo? In Afghanistan? Und wenn die Leute hier alles haben, was sie brauchen, wozu muss man ihnen dann noch mehr verkaufen?))

4. Ich finde, wir müssten uns darüber klar sein dass, was die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen auf diesem Planeten betrifft, wir den point of no return schon längst hinter uns gelassen haben. Wieviel Menschenverachtung liegt darin, in einer Situation fortdauernder Zerstörung genau die Lebensweise, die diese Zerstörung herbeigeführt hat und noch herbeiführt, als "Lebensqualität" zu bezeichnen?


Hallo Zora, ich wollte sicher nicht der Sucht das Wort reden. Aber da es nun einmal einen recht gut nachgewiesenen Zusammenhang zwischen, zum Beispiel, manisch-depressiver Erkrankung, Kreativität und Drogengebrauch gibt, wobei die bipolare Störung ursächlich für sowohl das eine wie das andere ist, wollte ich nur zu bedenken geben, dass ein Mensch sich sehr wohl für die Fortsetzung eines, von aussen gesehen selbstschädigenden, Verhaltens entscheiden kann, wenn er die Selbstschädigung der Priorität seiner Arbeit unterordnet. Eine Gesellschaft, die solche Menschen im Namen der Lebensqualität nicht nur nicht straffrei ausgehen lassen, sondern sogar genetisch aussortieren will, ist mir zutiefst zuwider; sie sollte das Wort "Lebensqualität" eigentlich gar nicht in den Mund nehmen; das es, wenn sie es doch tut, am Ende verdreht wieder herauskommt, ist eigentlich nicht überraschend.


Hallo Mirjam,
Zitat:
Wovon ich allerdings überzeugt bin ist, dass er auf seine Art der Allgemeinheit ein Stück Lebensqualität eben NICHT geliefert hat.

das trifft sicher für nicht vom Markt korrumpierte Kunst, falls es die noch gibt, allgemein zu: sie liefert keine Lebensqualität,in dem Sinne, den das Wort hier + heute hat; in dem Sinne, in dem es vom herrschenden kapitalistischen System funktionalisiert wurde.


LG @all
riv
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